Systemischer Ansatz in der Psychotherapie

Der Mensch ist ein soziales Wesen und steht in Kommunikation und Interaktion mit dem Umfeld. Dieser Tatsache wird im systemischen Therapieansatz entsprochen. Gegenstand des therapeutischen Prozesses ist der Mensch im sozialen Kontext, in dem er agiert und reagiert.
Durch das Herausarbeiten von Ursachen-Wirkungs-Zusammenhängen können Dynamiken sichtbar gemacht werden und neue Lösungsstrategien entwickelt werden. 

1. Der Mensch ist Teil von Systemen der Umwelt

Abhängig von Anliegen und Therapieziel werden beeinflussende gegenwärtige soziale Situationen oder beeinflussende Strukturen aus der Vergangenheit betrachtet. Förderliche Prägungen und Erfahrungen können als wertvolle Ressourcen ins Bewusstsein geholt werden. Aber auch eher unbekömmliche Erfahrungen, die bis ins Heute ihre Spuren hinterlassen haben, können sich zeigen. Unbewusste Verhaltensmuster können erklärt und verstanden werden. Hilfreiche neue Strukturen und Handlungsalternativen können gefunden und zu einer neuen und wohltuenden Lebensgestaltung umgewandelt werden. Aus diesem tiefen Verständnis heraus kann Veränderung stattfinden.


Beispiele für Systeme, die uns präg(t)en und in denen wir verschiedene Rollen ausfüll(t)en

1. Ursprungsfamilie: Jeder Mensch ist ein Kind seiner Eltern.
    Zur Ursprungsfamilie gehören neben den Eltern auch Geschwister, Halb- und Stiefgeschwister, Stief-, Adoptiv-,          oder Pflegeeltern und die Großeltern
2. Familie: Partnerschaft/ Ehepartner und Kinder; ehemalige Ehe-/Lebenspartner, Stief,- Adoptiv-, Pflegekinder
3. Freunde und Bekannte sind in allen Altersstufen wichtige Einflussfaktoren
4. Schule und Studium: Lehrer/Dozenten, Mitschüler und die Schule selbst beeinflussen unseren Werdegang. 
5. Beruf: Arbeitsplatz, Vorgesetzte und Kollegen 
5. Gesellschaft: Religion, Kultur, Staatsform und damit verbundene Wertesysteme
    prägen den Menschen auf oft unbewusste und doch entscheidende Art und Weise. 

2. Der Mensch als System

a) Die Mensch ist ein Ganzes

Ein menschliches Wesen ist nur fähig zu leben, wenn Körper, Seele und Geist gleichzeitig miteinander sind. Denn: was wäre schon ein Körper ohne Seele oder ohne Geist? Und umgekehrt: Was wäre Geist und Seele ohne Körper?

Im systemischen Therapieansatz wird dieser Abhängigkeit Rechnung getragen, indem die gegenseitigen Ursachen-Wirkungs-Zusammenhänge sowohl körperlicher, als auch psychischer oder geistiger Beschwerden in Beziehung zueinander gesetzt und dadurch be- und verarbeitet werden können.

Seelische Belastungen führen zu körperlichen Beschwerden
Sichtbar wird dieser Zusammenhang beispielsweise bei psychosomatischen Beschwerden. Hier treten körperliche Symptome in Erscheinung, die medizinisch nicht oder nicht hinreichend erklärt werden können, jedoch in Zusammenhang mit emotionalen Konflikten oder psychosozialen Schwierigkeiten stehen. Von einigen medizinisch diagnostizierbaren körperlichen Krankheiten wie Asthma, Ekzemen oder Magengeschwüren geht man heute davon aus, dass seelische Faktoren eine wesentliche Rolle bei der Ausbildung der Erkrankungen spielen.

Körperliche Belastungen führen zu seelischen Beschwerden
Andersherum können körperliche Krankheiten oder Belastungen der Auslöser für seelische Beschwerden sein. Zum Beispiel können chronische Schmerzen zu depressiven Verstimmungen führen. Auch in Verbindung mit Demenz, Suchtproblemen finden sich häufig emotionale Probleme wie Depressivität oder Schlafstörungen. Intoxikationen durch Alkohol, Drogen oder Medikamente bedingen nicht nur körperliche, sondern oft auch seelische Störungen. 
Oft nicht bekannt kann auch umgelernte (Links-) Händigkeit Folgen für die geistige und emotionale Entwicklung bis hinein ins Erwachsenenalter haben.    

b) Der Körper und seine inneren Systeme

Unser Körper verfügt über die unterschiedlichsten Körperfunktionen, die fein aufeinander abgestimmt sind, sich gegenseitig beeinflussen und voneinander abhängig sind. Wir unterscheiden das Immun-, Nerven-, Hormon-, Herz-Kreislauf-, Verdauungs-, Atmungs-, Urogenital- und das Bewegungssystem. Diese Teilsysteme arbeiten zusammen und reagieren auf innere und äußere Einflüsse.
Nehmen wir folgende Stresssituation "Ich habe Angst vor dem Hund, der auf mich zukommt": Alle inneren Systeme passen ihre Aktivität in Sekundenschnelle an die Situation an. Adrenalin wird ausgeschüttet, das Herz schlägt schneller, die Atmung wird flach, die Muskel spannen sich an oder beginnen zu zittern, die Hände zu schwitzen usw. Der Körper macht sich bereit zu fliehen oder zu kämpfen, um der Situation zu entkommen. Nun gelingt es, durch Ausweichen (Flucht) die Gefahr abzuwenden. Die angstbesetzte Situation ist vorüber. Der Organismus kann sich beruhigen und die Körperfunktionen normalisieren sich, die Stresshormone werden wieder abgebaut. Diese Körperreaktionen sind für das Überleben notwendig. 
Problematisch kann es jedoch in Dauerstresssituationen werden, wenn der Organismus sich nicht mehr beruhigen kann und das Vegetativum in einer Daueranspannung bleibt (vgl. posttraumatischen Belastungsstörung oder Burnout).

c) Die Seele und ihre inneren Anteile

Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen. Diese Tatsache birgt jedoch auch eine Krux in sich. Ein innerer Konflikt entsteht, sobald zwischen sofortiger Bedürfniserfüllung und den langfristigen Auswirkungen des Handelns ein Diskrepanz entsteht. 
Dabei gibt es eine Vielzahl innerer seelischer Anteile, die bewusst oder unbewusst Einfluss nehmen auf die Entscheidungen und die damit verbundenen Lebensgestaltung (z.B. "Inneres Kind", "Innerer Richter", "Innere Weisheit", "Innerer Treiber"). Manchmal übernehmen innere Anteile die Führung, obwohl diese zu Entscheidungen neigen, die nicht förderlich oder der Situation angemessen sind.
Die Lösung liegt im Gespräch zwischen diesen einzelnen inneren Anteilen und die Arbeit mit dem "inneren Team" nach Schulz von Thun.

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